Viermal Frühling im Iran

Und für mich fühlte es sich nach Hochsommer an: Über 30 Grad, auch im Schatten, Tag und Nacht. Hölzerne Fischerboote an der Küste, Zelte am Strand, am Straßenrand, eigentlich überall, wo es freie Flächen gab und natürlich das Meer. Das war also Chabahar, die Stadt, in der immer Frühling ist. Also das, was man im Iran unter Frühling versteht. Ihren Namen trägt die Stadt aber nicht, weil es im März schon so warm ist, sondern weil das Meer im Sommer für eine „kühle“ Brise sorgt und das Thermometer so nicht die 50 Grad knackt.
Frauen und Männer, ganz anders gekleidet als in Teheran, nicht nur mehr Tschador, sondern vorallem die traditionellen Gewänder: bunt bestickt bei den Frauen, bei den Männern hellblau oder -beige, lange Hemden über weiten Hosen. Auf den Straßen noch ältere Autos und Motorräder und auf dem Basar noch mehr Plastik in allen Formen aus China. Aber auch frittiertes Gebäck, höllenscharf, fettig und voller Gewürze, sowie eine Begleiterin und Anstifterin, oft auch Übersetzerin, Elina. Denn allein wäre ich hier nie gelandet.

Zwei Jungen auf Krabbenfang am Strand
Freitagmorgen in der sunnitischen Moschee
Am Basar
Ein (Hobby-)Fischer am Strand

Teheran blieb vorerst nur ein Zwischenstop: Ausschlafen, Geld wechseln, eine SIM-Karte organisieren und Luft holen wollte ich dort. Letztendlich bin ich auf einem Motorrad gelandet, an Mohammed wir hatten uns in einem Café kennengelernt, weil er mich auf meinen Stoffbeutel mit deutschem Aufdruck angesprochen hatte geklammert, latent panisch, in diesem Verkehrschaos mein verfrühtes Ende zu finden. Irgendwann, wohl in einem plötzlich mutigen Moment, konnte ich meine Augen über die Fahrbahnhöhe hinaus heben: Vor mir die schneebedeckten Spitzen des Alborzgebirge, zwischen mir und ihnen nur sehr viel Fahrbahn und ein bisschen Smog. Es gibt Situationen, die fotografiere ich nicht, trotzdem bleiben sie eingebrannt. Aber andere Geschichte: Ich hatte ein Flugticket nach Chabahr für den nächsten Morgen. Die Region, vor der das auswärtige Amt warnt, die Region, über die ich nicht mehr Informationen finden konnte, als dass dort ein wichtiger Hafen ist, die Region, in die ich morgen fliegen würde, um Elina zu treffen.
Wir hatten uns über Couchsurfing kennengelernt, eigentlich wollte ich in Teheran zu ihr, da aber gerade Neujahrsferien waren, war sie unterwegs und hatte mir vorgeschlagen, doch mitzukommen. Aus der Ferne bucht es sich Flüge ja leicht, die Nacht vor meinem Abflug war dann doch nicht die einfachste: Bauch gegen Kopf, offizielle Empfehlung gegen vor-Ort-Erfahrung, Sicherheitsbedürfnis gegen Neugierde.

Letztenendes bin ich geflogen, wurde auf dem Flug mit Pistazien und Bonbons von den Frauen gefüttert, die auf dem Weg zu einer Beerdigung waren Einmal über das Land, von dem ich so lange geträumt hatte. Je näher wir Chabahr kamen, destor surrealer wurde die Landschaft, ganz als wären wir durch einen kosmischen Unfall plötzlich auf dem Mars. Landung, meinen Rucksack und Amir finden, der für einige Zeit ein guter Begleiter werden sollte. Da war ich also, meine Neugierde und mein Bauchgefühl hatten Recht gehabt. In den folgenden Tagen waren Elina und ich nicht nur gelegentlich mit Amir unterwegs, wir waren auch eingeladen, bei seiner Familie zu übernachten. Dort, wo drei Generationen unter einem Dach und auf – für unser Verhältnisse ziemlich wenig Platz – lebten, hatte man für uns das Wohnzimmer freigeräumt und Decken auf dem Boden ausgerollt. Wenn wir nicht in der Stadt waren, dann saßen wir mit den Frauen und Kindern draußen, lachend, rauchend und (in meinem Fall mit Händen und Füßen) sprechend. Von den Essensbergen lässt sich leicht erzählen, vom frischen Fisch und dem süßen Tee mit Milch, die liebevolle Selbstverständlichkeit, mit der Gastfreundschaft gelebt wurde, ist kaum in Worte zu fassen.
In den ersten Tagen habe ich im Haus nie fotografiert, wusste ich doch, dass es hier unangebracht ist, die Frauen zu fotografieren, bis wir irgendwann von selbst auf das kamen, was ich eigentlich mache. Auch das, großes Glück. Wie gut, dass ich hier war.

 

 

Ein paar Worte ganz zum Schluss: Sämtliche Bilder veröffentliche ich hier nur, weil mir die fotografierten Personen ihr Ok (bzw. ihr Ok stellvertretend für ihre Kinder) gegeben haben.
Wer sich fragt, warum ich überhaupt im Iran war und wie ich Dinge wie Sicherheit & Co für mich persönlich gehandhabt habe, kann hier alles Wichtige nachlesen. Ich kann zwar keine verbindlichen Tipps und Hinweise geben, erzähle aber persönlich immer gerne mehr, als hier steht.

2 Kommentare

  1. Ich freue mich sehr, dass die Berichte weitergehen. Hatte nach dem ersten Teil immer mal wieder geschaut und schon die Befürchtung, es ginge vielleicht nicht weiter.

    Und so wunderbare Fotos! Ich bin sehr gespannt, wie es weiterging mit der Reise!

    Herzliche Grüße

    Liisa

    Antworten

    1. <3 Und es ist noch lange nicht das Ende, so viel sei gesagt. Nur dauert es dank Studium, Arbeit und Co leider manchmal länger... Aber anyway: Schön, dass Du weiter mitließt <3

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