Iran – Was willst Du denn da? Und ist das eigentlich sicher?

Ob ich nicht einfach in Italien oder Spanien Urlaub machen könne, Interrail oder so. Das wäre ja auch interessant und viel wichtiger: nicht so gefährlich. Gut gemeinte, ehrlich besorgte und auch eher doofe Alternativvorschläge hin oder her, die Sache mit dem Iran habe ich (hat sich) mir schon vor längerer Zeit in den Kopf gesetzt. Sehnsucht und Neugierde können so stur sein und machen, dass ich an einem grauen Dienstagnachmittag im Dezember spontan Flüge gebucht habe und anfing, mich auf eineinhalb Monate im Iran einzustellen. Zwischen diesem Dezembertag und dem Abflug lagen nicht nur die Demonstrationen im Iran um die Jahreswende, eine innere Deadline, wann ich stornieren würde, wenn die Lage irgendwie eskalieren würde und ein geklauter Rucksack inklusive Kamera und Laptop.

Damit hätten sich die Überlegungen erster Art wohl erledigt gehabt, eigentlich. Wären da nicht ein paar Freund_innen gewesen, die das so gar nicht einsehen wollten und mir meine Reise gerettet hatten, bevor sie überhaupt begonnen hatte. <3 
Aus sechs Wochen wurden drei und bevor ich in den nächsten Wochen über meine Reise schreibe, gibt es erstmal ein bisschen Vorgeplänkel, um die wichtigsten Fragen, die mir immer wieder gestellt wurden, zu beantworten. Die nächsten Einträge werden bildreicher, versprochen!

Ein paar Bemerkungen vorweg

Ich schreibe hier nur über meine Erfahrungen und wie ich für mich bestimmte Reise- und Sicherheitsfragen gehandhabt habe, alles ist dementsprechend subjektiv und war an vielen Stellen allein von meinem Bauchgefühl abhängig. Allgemeingültige und -verbindliche Informationen kann ich nicht geben. Wie überall auf der Welt kann sich die (politische) Lage auch im Iran jederzeit ändern – Mit Folgen für das normale Leben im Land, aber auch die persönliche Sicherheit als Reisende_r. Wer darüber nachdenkt, den Iran zu bereisen, sei an dieser Stelle auf die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amts verwiesen.

Als Frau alleine unterwegs

Aus einem Café in Teheran

Ich reise schon seit mehreren Jahren alleine, auch den Iran habe ich so bereist. In der Hauptstadt Teheran habe ich mehrere Frauen getroffen, die auf die gleiche Art und Weise – ohne Begleitung, dafür mit Rucksack – unterwegs waren. Sprich: Es ist gut möglich, den Iran so zu bereisen, ich könnte es mir anders auch gar nicht vorstellen. Aber reisen ist in diesem Land anders, denn wirklich alleine war ich selten. Alles, was man über die iranische Gastfreundschaft hört, ist wahr und wird in der Realität oft noch übertroffen. Länger als fünf Minuten saß ich fast nie in einem Café oder Restaurant, bevor sich irgendjemand zu mir setzte und wir ins Reden kamen, stand ich auf der Straße und wusste den Weg nicht, fand sich immer eine Person, die mir half, ihn zu finden und auch meine Couchsurfing-Gastgeber_innen habe ich nie schneller gefunden.
Gerade das Couchsurfing verlangt natürlich immer das Nachdenken darüber, wem ich soweit vertraue, dass ich eine oder mehrere Nächte bei dieser Person zu Hause verbringe – Wenn es für mich mal nicht passt, nehme ich mir immer ein Hostel. Das gilt übrigens für alle meine Reisen.
Da sich im Iran große Teile des Alltagslebens hinter der geschlossenen Wohnungstür abspielen, war so zu reisen die für mich passendste Art. Das führt auch schon zu Frage Zwei:

Warum reist Du überhaupt in den Iran?

Atombombe, antisemitische, antiisraelische und anitamerikanische Parolen, Kopftuchpflicht für Frauen, die niedergeschlagene Grüne Revolution und so weiter und so fort. Die Medienberichte über den Iran lassen erstmal kein Urlaubsland vermuten; Wenn man unter Urlaub Strandurlaub versteht, ist es das auch nicht. Mich hat vielmehr neugierig gemacht, wie die Menschen dort leben. Nein, nicht „zwischen Tradition und Moderne“, ich bin ja kein Bildungsreisenprospekt und werde hoffentlich auch nie einer sei, sondern wie es ist, in den Schlupflöchern des Regelkatalogs unterwegs zu sein, wovon man dort träumt und worauf man dort hofft.

Motorradfahrer in Sistan-Beluchistan
Motorradfahrer in Sistan-Beluchistan

Mit meinem Pass, der mir (fast) unbeschränkte Reisefreiheit garantiert, habe ich es an dieser Stelle natürlich auch einfach: Ich kann kommen und wieder gehen und das nur aufgrund der Tatsache, dass ich zufällig in Deutschland geboren wurde. Ich war im Iran zu Gast und habe das das Land nur in Ausschnitten erlebt, wichtig dabei war für mich, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass ich eben Gast bin, dass ich das Land jederzeit verlassen kann und der Vergleich mit der Situation zu Hause in den meisten Fällen nicht angebracht ist. Dazu kommen natürlich auch noch die jahrhundertealte Geschichte Irans und die Natur, die mich seit ein paar Jahren immer reiselustiger gemacht haben, den Rest dazugetan haben dann natürlich ein paar Bücher und Musik. Dazu später mehr.
Ob jemand letztendlich in den Iran reist, bleibt mit dem Hintergrund der politischen Situation natürlich immer eine persönliche Entscheidung, für mich haben Neugierde und die Lust, Menschen kennenzulernen überwogen.

Wie ist das mit der Sicherheit?

Ein paar Dinge beachte ich als alleinreisende Frau sowieso immer: Nachts dunkle Ecken meiden, mich am Verhalten von Frauen vor Ort orientieren, Pass und den Großteil des Geldes versteckt am Körper tragen, den Rest im Rucksack verteilen, Kopien wichtiger Unterlagen an verschiedenen Stellen aufbewahren, wichtige Telefonnummern mitnehmen, lieber gemeinsam unterwegs sein oder ein Taxi nehmen, wenn das Bauchgefühl nicht stimmt, Übernachtungsmöglichkeiten in der Hinterhand haben und so weiter. Während der drei Wochen hatte keine nennswerten Probleme mit der Polizei oder Iraner_innen, habe mich fast nie unsicher und nie in wirklicher Gefahr gefühlt. Unterm Strich waren die einzig wirklichen Risiken, als Fußgängerin das Überqueren einer Straße in Teheran nicht zu schaffen (dazu in einem Beitrag mehr) und mein Diabetisrisiko dank stark gezuckertem Tee und Süßzeug ins Unermessliche zu steigern.

Das Marsgebirge bei Chabahar
Das Marsgebirge bei Chabahar

Einen Teil der Zeit war ich in und um Chabahar, einer verhältnismäßig kleinen Stadt in der Provinz Sistan-Beluchistanim äußersten Südosten Irans; Das Auswärtige Amt rät vom Besuch dieser Region „dringend ab“ – Warum war ich trotzdem da? Elina, die in Teheran lebt und arbeitet, wäre eigentlich meine Couchsurfing-Host in ihrer Heimatstadt gewesen, da aber Ende März Neujahrsferien im Iran sind, wollte sie, wie fast alle Iraner_innen Teheran für ein paar Tage entfliehen und hatte mich, als ich noch in Deutschland war, eingeladen, mit ihr zu kommen. Ich habe lange überlegt, ob es eine gute Idee ist: vor meinem Abflug nach Teheran, in Teheran und bis zum Tag meines Fluges nach Chabahar. Erst nach mehreren Gesprächen mit Elina und anderen Iraner_innen, die bereits in der Provinz unterwegs waren, habe ich mich dafür entschieden. Allein unterwegs war ich dort nie, Elina oder noch mehr Menschen waren immer dabei – Weniger, weil es gefährlich gewesen wäre, sondern weil ich ohne Persischkenntnisse ziemlich aufgeschmissen gewesen wäre.

Die Sache mit der Kleiderordnung…

Kleiderordnung in Action in der Nasir-ol-Molk Moschee in Shiraz

Wie allgemein bekannt, müssen im Iran alle Frauen die islamische Kleiderordnung beachten, die seit 1983 verbindlich gilt. Das bedeutet, im Alltag das Kopftuch (Hijab), eine lange Hose, ein geschlossenes Oberteil und einen langärmligen Mantel, der den Hintern bedeckt, tragen zu müssen. Wie genau die Frauen die Kleiderordnung befolgen, variiert in den Provinzen, auch der Faktor Stadt oder Dorf spielt eine Rolle. Besonders in Teheran und Shiraz rutscht der Hijab weit Richtung Hinterkopf und die Knöchel sind nicht immer bedeckt, in Isfahan und Chabahar sieht man weitaus mehr Frauen, die den Tschador tragen.
Um ehrlich zu sein, ja, es nervt, bei über 30 Grad so viele Schichten Kleidung tragen zu müssen, besonders, wenn man, wie ich, hauptsächlich schwarze und dunkelgraue Sachen besitzt. Aber auch hier galt wieder: Ich musste diesen „Dresscode“ nur für ein paar Wochen befolgen, nicht seit und für Jahre. Hätte ich den in der Öffentlichkeit ausgezogen, hätte ich als Ausländerin wohl nicht so viel zu befürchten wie Iranerinnen. Wer sich für dieses Thema interessiert, kann sich ja mal über „My stealthy freedom“ informieren, eine Bewegung von Frauen, die das Ablegen des Hijab in der Öffentlichkeit dokumentieren und dafür kämpfen, dass das Tragen in Zukunft freiwillig sein wird.

Der Praktische Rest

Für den Iran benötigt man ein Visum, das entweder „on arrival“ am Flughafen oder bereits in Deutschland beantragt werden kann. Ich wollte auf Nummer sicher gehen, da ich nicht wusste, inwieweit meine Veröffentlichungen als journalistische Tätigkeit ausgelegt werden würden und welche Probleme mir das bescheren würde und habe mich daher schon in Deutschland um ein Visum beworben. Letztendlich lief alles glatt: Samt Reisepass in die Botschaft, den Antrag, ein Foto (in meinem Fall mit Hijab, ist wohl kein Muss, aber sicher ist sicher) und 50€ dort lassen, eine Woche warten und den Reisepass samt bunt-glitzerndem Sticker wieder abholen. 

Iran ist immer noch nicht an das weltweite Bankensystem angeschlossen, dementsprechend musste ich mein komplettes Reisebudget in Form von Bargeld mitbringen. Inzwischen gibt es zwar die Möglichkeit, eine Debitkarte für Iran zu beantragen, davon wusste ich aber nichts. Die meiste Zeit konnte ich überall problemlos Euro in iranische Rial umtauschen und war plötzlich vielfache Millionärin, denn die iranische Währung ist ziemlich inflationsgeplagt. Einzig in den letzten Tagen war der Geldumtausch nicht mehr möglich, alle Wechselstuben waren geschlossen, da die Kurse nach Wochen des des noch rapideren Wertverfalls von staatlicher Seite fixiert wurden.

Die großen Distanzen im Land – sieben Stunden Fahrt sind alles andere als ungewöhnlich – habe ich entweder mit dem Zug, Bus, Auto oder Flugzeug überwunden. Inlandsflüge sind relativ günstig, allerdings sollte man bei der Wahl der Airline ein bisschen aufpassen und am besten Iraner_innen fragen, wie sicher die jeweilige Airline ist. Bus- und Zugverbindungen gibt es zwischen allen größeren Städten und mehr als 7€ habe ich für keine Fahrt ausgegeben.

Zum Schluss was zum Lesen

Wer jetzt schon Lust bekommen hat, ein bisschen mehr über Iran zu erfahren oder selbst dorthin zu reisen, dem seien neben meinen bald folgenden Blogeinträgen noch ein paar Bücher empfohlen, die ich mit Freude vorher oder nachher gelesen habe.
Für die Vorbereitungen gehört ein Reiseführer irgendwie immer noch dazu, obwohl ich die meisten Infos über Wikitravel, Wikipedia und Social-Media zusamamengesammelt habe. Empfehlen kann ich den Reiseführer aus dem Trescher-Verlag trotzdem. Besonders für Reisende, die planen, auch den Ostiran zu bereisen, die bessere Wahl gegenüber dem Lonely Planet, der die Region mit einem Verweis auf die Sicherheitslage nur knapp behandelt.
Der Klassiker zum Thema Couchsurfing ist „Couchsurfing im Iran“ von Stephan Orth, ein Buch das weit hinter die geschlossenen Haustüren blicken lässt und zum Couchsurfing-Hype im Iran seinen Beitrag geleistet hat.
Wer es gerne poetisch-mystisch mag, der kann sich ja an Rumi oder Hafez, den persischen Nationaldichter, versuchen.
Ein wunderbares Graphic Novel, das auch verfilmt wurde, ist Persepolis. Es handelt von einem Mädchen, das zur Zeit der islamischen Revolution groß geworden ist und leidenschaftlich Punk und Metal hört.
Auch interessant ist die drei Generationen umfassende Familiengeschichte „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar, die sowohl im Iran, als auch in Deutschland spielt und sich unter anderem mit den Kommunist_innen im Iran beschäftigt.
„Sechzehn Wörter“ (Nava Ebrahimi) spielt im Iran der Gegenwart, den die Hauptfigur anlässlich des Todes ihrer Großmutter wieder bereist und erzählt vom Fremdeln, Abschiednehmen und Verlieben.
Die „Orientreisen“ von Annemarie Schwarzenbach haben mich auf meiner eigenen Reise begleitet. Der kleine Band versammelt einige Reisen der Autorin, die in den 1930er Jahren unter Anderem durch Persien gereist ist und macht Hunger auf weitere Reisen.

 

2 Kommentare

  1. Ich habe deine Reise ein wenig bei Instagram verfolgt und bin ja sowieso schon großer Fan deiner Bildsprache. Umso mehr freue ich mich aber darüber, dass du deine Reise jetzt auch noch verblogst. Der erste Beitrag hier macht schon jetzt jede Menge Lust auf mehr!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.