Mehr Sehen

Hanna: Ob in Norddeich oder am Rheinufer: Als kleines Mädchen wollte ich immer durchs Fernglas gucken. Durch eins von diesen feststehenden Dingern, die wie eine Einladung zu einer besseren Sicht an spannenden Plätzen warten und die den Blick doch erst freigeben, wenn man eine Münze in den silbernen Schlitz steckt. Da kleine Mädchen aber selten über einen Vorrat an Münzen verfügen und Eltern nicht in jeden beliebigen Schlitz, der sich ihnen bietet, Geld werfen wollen, musste ich mich mit einem sehr einseitigen Ausblick begnügen: Ich sah Schwarz. Ohne Moos, nix los. Und doch: Meine Neugier blieb ungetrübt. Wo immer mir solche Ferngläser begegneten, stieg ich auf die kleine Plattform darunter, legte die Hände rechts und links an die Haltegriffe, schob mein Gesicht dicht ans Glas und guckte. Und guckte. Und guckte. So lange, bis mich jemand zum Weitergehen überredete. Heute mache ich das nicht mehr. Vielleicht, weil ich glaube, ganz genau zu wissen, was ich da sehe, wenn ich kein Geld locker mache: Schwarz. Aber immer wieder entdecke ich Kinder, die genau wie ich damals ganz neugierig zu dem Fernglas emporklettern und hindurchschauen. Die es von rechts nach links schwenken, ganz ohne eine Münze hineinzuwerfen, und deren genervte Eltern abwartend daneben stehen. Manchmal minutenlang. Und ich frage mich: Was sehen diese Kinder? Was habe ich als Kind mehr gesehen als heute?

Mara: Ich bin als Gast in ihre Stadt gekommen, bin auf ihren Straßen umherspaziert, saß in ihren Stammcafés und stand auf ihren Plätzen. Habe mich gedreht und gewendet, habe ihre Unterhaltungen im Vorbeigehen mitgehört. Ich war da, habe beobachtet und wollte ihren Zirkus der Alltäglichkeiten aufsaugen in mich.

Gelungen ist es mir nie, denn ich war ja nur Beobachterin, habe zu- und vorbeigeschaut, war Beobachterin, Zaungast. Aber gleichzeitig war es mehr. Ich durfte als Gästin sehen, in ihren Städten, auf ihren Straßen und in ihren Stammcafés. Sie haben es mich sehen lassen, die Schönheit ihres Lebens.

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