Gott, du Witzbold

Es ging um Visionen von Kirche, um den Tempel, den es nicht mehr gibt, den Tempel der in der ganzen Stadt ist. Offenbarung 21 für die Neugierigen. Es soll darum gehen, ein Stück von dieser Vision auf die Straße zu bringen, ein Stück von dem, was ich glaube, in die Stadt und auf die Straße zu bringen. Mit in die Stadt kommt eine weiße Straßenkreide, in ein Stück Papier eingewickelt und in die Jackentasche meines Mantels gestopft. Dann stehe ich vor dem Hauptgebäude der Aachen Münchner Versicherung. Gläserne Wände, vor ihnen große und relativ glatte Bodenplatten. Ich knie mich hin, mit dem Rücken zum Gebäude und beginne zu schreiben. Fürchte. Klare Schrift, Großbuchstaben. Neue Zeile. Dich. Relativ klare Schrift, Großbuchstaben. Ich kucke auf die Straße, höre ein Auto vorbeifahren, sehe einen Vater mit zwei Kindern vorbeigehen. Neue Zeile. Nicht. Leichte Schnörkel, klein geschrieben.

Ich stehe auf und bleibe kurz vor den drei Worten stehen. Fürchte dich nicht. Fürchte dich nicht, Versicherung. Fürchte dich nicht = Versicherung. Fürchte dich nicht vor Versicherung. Wie auch immer, sogar die Sonne scheint und wird von der gold-gelben Fassade noch reflektiert. Warten will ich und sehen. Über die Straße gehe ich und setze mich auf eine Treppe. In die Gegend starrend, niemand läuft vorbei an meiner Botschaft. Mein Blick fällt durch die Glasfront in das Gebäude, zwei Männer, einer im weißen Hemd, der andere in einer blauen Jacke. Wildes gestikulieren. Der Mann mit der blauen Jacke steht in der Tür, schaut mich an und geht los. Weggehen, rennen oder was? Ich stehe auf, über die Straße, zurück auf die andere Seite. Fürchte dich nicht. Was ich denn da gemacht hätte. Geschrieben, mit Straßenkreide. Das dürfe ich nicht, Privatgrund. Ich wusste es nicht, Entschuldigung. Privatgrund, das geht nicht. Es tut mir leid. Das muss da weg und warum schreiben sie da sowas hin. Wenn es weg muss, mache ich das natürlich, geben sie mir einfach einen Eimer Wasser. Ein freundlich-irritierter Blick, er geht langsam in Richtung des Gebäudes. Ich laufe ihm nach, aber nur bis zur Türschwelle. Nicht weiter. Kopf rein, Grüß Gott. Darf ich ins Gebäude rein, ich brauche den Eimer Wasser. Warum machen se‘ denn sowas? Das geht hier gar nicht, das ist Privatgrund und der Vorstand geht hier ja rein. Da muss alles sauber sein. Rein können se, aber nur auf den Teppich. Glattpolierte Fliesen, langes Empfangstresen, ein Neon-Schriftzug an der Wand, irgendwas mit „rock“ steht da. Das ist Sachbeschädigung, da muss ich jetzt eigentlich ein Protokoll schreiben, da zur Anzeige bringen und ihnen Hausverbot geben. Aber erstmal muss das weg.  Ich mach das weg, der Kollege holt schon Wasser. Es dauert, der Eingangsbereich scheint nicht auf derartige Zwischenfälle eingerichtet zu sein. Ich wippe in meinen DocMartens hin und her, mein Blick schweift durch den Raum und bleibt am Tresen hängen. Herr Jerusalem steht auf dem Namensschild am linken Tresenende. Herr Jerusalem heißt also der Mann im weißen Hemd, der inzwischen steht um das Tresen auf mich zu läuft. Er schüttelt den Kopf. Was ham‘ se denn da eigentlich da geschrieben? Fürchte dich nicht. Ja warum das denn? Weil ich daran glaube. Fürchte dich nicht, ganz einfach. Und warum hier? Warum nicht? Genau das sagt ja eigentlich auch die Versicherung. Fürchte dich nicht. Er will es sehen, wir gehen nach draußen. Herr Jerusalem im weißen Hemd, ich. Hinter uns der Mann mit der blauen Jacke und jetzt zwei Eimern Wasser. Fürchte dich nicht. Zu dritt stehen wir davor, der Herr in Blau reicht mir den ersten Eimer und ich schütte den Eimerinhalt auf den Boden. Hartnäckig bleibt zuerst das Nicht. Eimer zwei lässt es dann doch noch verschwinden, wir wechseln noch ein paar Worte. Keine Anzeige, nichtmal Hausverbot. Fürchte dich nicht ist wieder weg und soit alles gut, bereit für die Geschäftsleitung auf ihrem Weg in das Gebäude, über den Fußabtreter im Eingang hinaus. Ich gehe gut gelaunt weiter, aber was noch ein bisschen bleibt ist die Wasserpfütze im Sonnenlicht.

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