Wie hast du’s mit dem Digital?

Bevor ich mir wieder denke, ich hätte doch auch mal etwas schreiben sollen oder zerknirscht bemerke, dass eine weitere (Kirchen-)Debatte weitgehend von Männern* geführt wird schreibe ich jetzt also auch. Ich komme von der anderen Seite. Mitten aus dem Digital. Mit dem Internet mehr oder weniger groß geworden, Facebook, Twitter, Instagram und Blog meistens in Benutzung und oh Schreck, einige meiner besten Freund_innen habe ich übers Internet kennengelernt. Und nicht nur die: Im Endeffekt bin ich so auch mit einigen wunderbaren Menschen in Kontakt gekommen, die mit Religion, Gott und auch den Kirchen etwas, und damit mehr als ich damals, zu tun haben.

Jetzt, ein paar Jahre später, sitze ich in Münster, studiere Theologie, arbeite als Redakteurin bei theologiestudierende.de mit und besuche die ein oder andere Konferenz, die etwas mit Kirchen-/Glaubensdingen zu tun hat. Man könnte meinen, die “digitale Kirche”, nach der gerade gesucht wird, hätte ganz Arbeit bei mir geleistet. Hat sie aber nicht — sorry not sorry.
Immer noch ohne Anbindung an eine klassische Gemeinde und den Wunsch, später unbedingt und ausschließlich im kirchlichen Bereich arbeiten zu wollen wandere ich durch die analoge wie digitale Gegend. Aus dieser Perspektive kann ich auch zur “digitalen Kirche” schreiben: irgendwie dabei, aber eben anders, fremd in einigen Punkten.

Kirche und…?

Ich frage mich, warum der Fokus auf dem Zusammenbringen von Kirchen und Internet liegt. Was soll dadurch eigentlich erreicht werden? Mir drängt sich der Verdacht auf, dass es ein weiterer Versuch aus der Reihe “Hilfe, wie kommen wir zurück zur vielbesuchten Volkskirche zurück?” ist. Die Kirche(n) zu den Leuten. Die gute alte Dichotomie: Kirche(n) und Welt/Moderne/Menschen (von) heute (diese Wortreihe lässt sich beliebig fortsetzen und ergäbe sicher auch ein schönes Bullshitbingo. Anyway.)— jetzt also auch noch das Internet: Da, wo sie alle versammelt sind und nur darauf warten, dass sie dort mit den Kirche(n)endlich (wieder) in Kontakt kommen können. So wie in der “echten Welt” auch. Nicht.
Man verzeihe mir meine Ironie, meinem Befremden kann ich leider nicht anders Ausdruck verleihen, denn so paradox erscheinen mir diese Gedankengänge schon im analogen Feld.

Kirche im Mittelpunkt — muss das wirklich sein?

Meine Bedenken sind groß, wenn sich die Debatte um #digitaleKirche — trotz der gebetsmühlenartig wiederholten Warnung, die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung sei kein Selbstzweck — doch immer dorthin bewegt, dass die Kirche(n) im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, denn ich befürchte, dass dieser Weg der im Vergleich einfachere und weniger herausfordernde. Wenn sie dann endlich in Digital angekommen sind, wird alles besser werden, da es wieder mehr geworden sind: Mehr Empfänger_innen und Zuhörer_innen, vielleicht auch ein paar zuträgliche Mitgestalter_innen mehr. Je mehr, desto besser — egal um welchen Preis, Hauptsache, die Kirchenbänke sind nicht mehr lange so leer wie sie es jetzt sind. Und das halte ich für nicht mehr, als den ewigen Totengesang für die Volkskirche, der zu wenig mehr als dem Schwelgen in Erinnerungen an vergangene Zeiten und der Geringschätzung der konkreten Situation im Hier und Jetzt Nutze ist.

Dabei hat doch das, was so oft als Not empfunden wird, erst den Raum aufgespannt für die Projekte, Initiativen, Büros und Bewegungen, die als best-practise-Beispiele und Innovationen, die Hoffnung machen, gelten. Sie bewegen sich meistens so natürlich wie selbstverständlich als Gruppen, beteiligte oder interessierte Einzelpersonen im digitalen Raum. Dieser Raum ist eben kein durch (Plattform-)Grenzen abgesteckter und strategiepapierdurchsetzter, sondern Teil eines natürlichen Lebensraumes, in dem sich der Alltag abspielt; Genau das macht das Ganze authentisch und interessant, lässt Nachfragen zu und ist (thematisch) offen genug, um Menschen, die klassischen kirchlichen Strukturen fern stehen, zu folgen, mitzudiskutieren und erleben.

Nur ein Rettungseinsatzes für Deutungshoheiten

Neben dieser Frage nach dem “Sitz im Leben” treibt mir noch ein Zweites die Sorgenfalten auf die Stirn: Ich nehme im Rahmen der Debatte um #digitaleKirche wahr, dass sie sich stellenweise, besonders dann, wenn es an die Formulierung konkreterer Erwartungen und Pläne geht, dahingehend entwickelt, dass Elemente kirchlicher Strukturen, die ich persönlich für bedenklich und überholt halte, insofern benutzt und implementiert werden, dass sie diese im Digitalen weiter stärken würden. Ich spreche von Hierarchien und Deutungs-/Steuerungshoheiten, die traditionell an Ämter gebunden sind, die nur unter bestimmten Voraussetzungen und im Rahmen bestimmter Limitationen, z.B. Geschlecht, Bildungsniveau, soziale Zugehörigkeit und Sozialisation, zugänglich sind. Das Versprechen der flachen Hierarchien und der Egalität zwischen Sender_in und Empfänger_in, die (unter Anderem) durch das Internet gegeben wurde, passt das aber weder zusammen, noch nimmt es diese Rahmenbedingung, die freilich ein Idealzustand ist, ernst und damit wird es wieder unauthentisch, da so weder das Medium als solches, noch dessen Nutzer_innen ernstgenommen werden, sondern an die institutionseigenen Bedürfnisse und damit auch an die Bedürfnisse derjenigen, die vom System bereits relativ privilegiert sind, angepasst werden. Diesen Punkt betrifft mich persönlich doppelt: Einerseits bin ich eben eine cis-Frau, die Mitglied der Katholischen Kirche und damit immer wieder mit der höchst-exklusiven Ämterpolitik/-theologie konfrontiert ist, andererseits bin ich nicht so klassisch kirchlich sozialisiert, wie es in den Kreisen, in denen ich mich bewege, üblich ist. Beides führt immer wieder zu vielfältigen Konfrontationen angenehmer wie unangenehmer Art und ist maßgeblich für meinen Blick auf die Dinge. Darüber mehr zu schreiben würde zwar nicht voll am Thema vorbeiführen, aber zumindest diesen Rahmen sprengen.

Also zurück zur Sache: Bestenfalls würde sich das prophezeite Kirchensterben, sofern es denn stattfindet, so noch um ein paar Jahre verlängert werden, das darüber trauern und (an-)klagen wäre auch noch online möglich, digitale Traueranzeigen und virtuelle Kerzen inklusive.

Kirche als Medium

Gewonnen ist wenig, wenn der Fokus starr auf den Kirche(n) liegt, denn gewissermaßen sind auch sie ein mögliches Medium unter vielen, durch und in dessen Rahmen etwas vermittelt werden kann: Glaubensvorstellungen, -traditionen, Erfahrungen mit dem, was sie Gott* nennen, und auch ohne. Kirche(n) sind hierbei als ein Medium unter vielen zu verstehen, sie sind nicht (mehr) das einzige Medium, das solche Inhalte kommuniziert und dementsprechend das Kommen und (Zu-)Hören aller Menschen sicher hat (zum Glück).

Wenn weiterhin “the medium is the message” gilt, dann bedeutet dies für die Kirche(n), dass sie sich selbst anpassen müssen: an die Erfahrungen, die die Botschaft selbst formen, an die Menschen, die diese Erfahrungen durchleben, am Weitergeben beteiligt sind und an diejenigen, die sie hören (sollen). Die vielfach wiederholte Mahnung, Strategien im Umgang mit Medien analoger wie digitaler Art für Kirche(n) dürfen kein Selbstzweck sein, gilt dementsprechend gleichermaßen für die Kirche(n) selbst. Es darf also nicht darum gehen, dass sich Kirche(n), die im “Analogen” ins Straucheln gekommen ist, im “Digitalen” so weitermachen wie bisher, alte Hierarchien hinüberretten.

Es ist doch gar nicht nichts

Neben der Ineffizienz des ganzen Unterfangens passiert so nämlich vielleicht noch etwas anderes: Für einige Menschen, mich eingeschlossen, sind die verschiedenen Kanäle wie Twitter, Blogs oder Facebook relative Schutzräume, in dem Erfahrungen in einem Feld, das irgendwie fremd ist, authentisch kommunizieren und sich relativ offen mit anderen Menschen aus ganz Deutschland und der Welt austauschen können. Ich bin mir sicher, ich könnte heute nicht über mein Fremdheitsgefühl schreiben und sprechen, wenn auch die Bereiche des Internets, in denen ich unterwegs bin, von kirchlichen institutionsgestützten Deutungshoheiten und Konventionen so durchsetzt wäre, wie die Orte, an denen ich Kirche(n) im “realen” Leben vorher begegnet bin und es immer noch oft tue. Aber mir geht es an dieser Stelle keinesfalls darum, ein Loblied auf meine Filterbubble zu singen, sondern darauf aufmerksam machen, dass die “digitale Kirche” keinen Weg durch unerschlossenes Terrain vor sich hat, sondern schon längst Menschen da sind, deren Alltagsleben sich im Internet mit-abspielt, die neben Katzengifs, Gesprächsfetzen, politischen Äußerungen, Kaffeetassen und Alltagsbeobachten ganz natürlich auch ihren Glauben dort mitteilen und ausleben. Auch das ist Kirche, die Medium ist. Vielleicht sollte die Debatte um “digitale Kirche” genau das mit im Blick haben, hinhören und diese, statt Strategiepapiere für Rettungsversuche, Struktur- und Hierarchiebedürfnissen der bereits vom System gehörten und privilegierten auf dem Reißbrett zu entwerfen, denn es ist so wichtig, das, was im Digitalen, nicht nur in glaubens-/kirchennahen Kreisen passiert, ernst zu nehmen. #digitaleKirche tut es bisher aber nicht.

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